
Die von mir gebuchte Tour betrachtet das Leben irischer Einwanderer, die tatsächlich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in diesem Haus gewohnt haben. Sie hießen Bridget und Joseph Moore, waren blutjung vor der Hungersnot in Irland geflohen, hatten zunächst in Five Points gelebt und dort drei Töchter bekommen. Ihr jüngstes Kind, die 5 Monate alte Agnes, war krank, und da Joseph einen "guten" Job (verglichen mit vielen anderen ehemaligen irischen Farmern, die bestenfalls an der Brooklyn Bridge mitbauen durften) als Kellner in einer irischen Kneipe hatte, zog die Familie in die mutmaßlich etwas bessere Nachbarschaft. Die Lower East Side hieß damals "Klein Deutschland" und so lebten außer dieser irischen Familie zu der Zeit denn auch nur deutsche Auswanderer in diesem Haus. Das Apartment, das die Familie bewohnte, ist winzig klein. Minischlafzimmer (ohne Fenster), Küche (ohne Fenster), Miniwohnzimmer. Unvorstellbar, die Zustände in NY in den damaligen Zeiten. Klar war mir bewusst, dass es damals noch kein fließendes Wasser, keine Toiletten in den Wohnungen und schon gar keinen Strom gab. Klar wusste ich, dass die Einwanderer ein verdammt hartes Leben hatten. Ja, ich wusste auch, dass der Müll einfach auf die Straße gekippt wurde und der Inhalt der Nachttöpfe ebenfalls. Wenn man aber Namen und Gesichter hat, wenn man umgeben ist von Möbeln und Gegenständen, die sie tatsächlich benutzt haben, in den kleinen Kämmerchen, die sie tatsächlich bewohnt haben, kommt einem dieses abstrakte Wissen eben irgendwie nah. Was hätten sie sich wohl gedacht, wenn sie gewusst hätten, dass 150 Jahre Touristengruppen durch ihr Apartment marschieren und von ihrem Leben hören? Hätten sie sich gefreut oder wären sie verärgert gewesen? Vermutlich wäre es ihnen egal gewesen, sie hatten ja genug damit zu tun, schlicht zu überleben. Der Tour Guide hatte uns gewarnt: irische Geschichten sind meistens traurig, so auch diese. Die kleine Agnes starb im Alter von 6 Monaten an Tuberkolose. Spätestens, als ihr Totenschein herumgereicht wird, habe ich natürlich Tränen in den Augen und muss so tun, als hätte ich Probleme mit den Kontaktlinsen. Diese elende Heulerei immer. Joseph und Bridget bekommen noch 5 Mädchen, 3 weitere sterben. Bridget wird nur 36 Jahre alt, Joseph heiratet nie mehr. Traurig, traurig.
Die Tour ist sehr sehr interessant und informativ und ihren (hohen) Preis auf jeden Fall wert. Es gibt auch noch eine Tour, die sich mit deutschen und amerikanischen Einwanderern zu Zeiten der Depression befasst und wenn ich die Zeit finde, werde ich mir diese sicher auch noch einmal ansehen/anhören.
Die Lower East Side ansonsten ist in den Morgenstunden wirklich eher unspannend. Ich bin aber sicher bzw. erinnere mich, dass sie abends/nachts viel zu bieten hat. Aber da kann ich (leider) derzeit nicht mitreden.
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