Dienstag, 16. Oktober 2012

Kühler weht der Wind

Am Wochenende habe ich mal wieder nach natürlich viel zu langer Zeit meine Oma besucht. Das letzte Großelternteil, das ich noch habe, nachdem Opa väterlicherseits letztes Jahr gestorben ist. Meine Oma ist dement und lebt schon einige Jahre im Altenheim.

Als ich mit Anfang/Mitte zwanzig als Studentin in (einem anderen) Altenheim gearbeitet habe, habe ich immer gedacht, eigentlich haben die Menschen, die an Demenz leiden, es immer noch besser als die anderen, die an dem "Ort ohne Rückkehr" leben. Sie machen sich die Welt widdewidde, wie sie ihnen gefällt. Mal sitzen sie in ihrer Vorstellung in einem vornehmen Cafe´, mal an der Bushaltestelle. Das miese Essen, das recht trostlose Umfeld und die leeren Blicke um sie herum blenden sie einfach aus. Nur für die Angehörigen ist es schwer. Dachte ich so.

Nun, da einer meiner Lieben von dieser Krankheit betroffen ist, empfinde ich natürlich anders. Es gibt sie, die "lustigen" Momente. Es gibt auch klare Momente. Aber diese Krankheit ist vor allem eines: gottsjämmerliche Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die man von außen mit noch so viel guten Willen nicht immer, und wahrscheinlich mit zunehmendem Verlauf immer weniger, durchbrechen kann. Wie es sich anfühlen mag, sich selbst zu verlieren, vermögen wir anderen nicht zu sagen. Natürlich nicht. Aber es gibt diese Momente, in denen Oma´s himmelblaue Augen sich in meine zu bohren scheinen, und eine leise Ahnung mich überfällt, die mich schauern lässt.

Immer, wenn ich den 20minütigen Weg von meinem Elternhaus zum Altenheim fahre, sage ich leise zu mir selber: "Wappne Dich! Wappne Dich!" und doch bin ich nie gewappnet, wenn ich auf meine Oma treffe.

Diesmal nahm sie, als ich ankam, an einem musikalischen/literarischen Vortrag zum Thema "Herbst" teil. Ihr Gesicht erhellte sich, als sie mich sah und ich einen Stuhl neben sie schob. Sie begrüßte mich mit meinem Namen und wirkte so normal und vertraut, wie man nur sein kann. Ich habe bisher immer Glück gehabt und bin von ihr erkannt worden. Als ich sie fragte, ob ich ihre Brille aus der Tasche holen soll, damit sie die Liedtexte lesen kann, schnaubte sie nur und meinte lapidar, die könne sie doch alle auswengig. Und klar, sie kannte sie auswendig. Ich übrigens auch, denn deutsches Liedgut habe ich unter anderem mit meiner Oma als Kind viel gesungen. Die Singerei gefiel meiner Oma, und mir gefiel es auch, so neben ihr zu sitzen und ihre Hand zu halten. Doch plötzlich drehte sie sich zu mir um und fragte etwas in dieser Situation völlig Sinnloses, und zwar drei mal im Minutentakt. Und da saß sie dann wieder sehr präsent zwischen uns, die Demenz.

Als wir zu dem sehr schönen Herbstlied "Bunt sind schon die Wälder" und darin zu der Textstelle "kühler weht der Wind" kamen, dachte ich so bei mir, ja so ist es, der Wind wird immer kühler. Da hilft es nur, sich warm anzuziehen oder wahlweise: sich ein dickes Fell anzueignen. Doch das muss man ersteinmal können.

Anschließend schleppte ich Oma betont vergnügt (wie man das immer so macht) in das kleine Cafe´des Altenheims, denn ein "Köppchen Kaffee" und ein Stück Kuchen haben ihr eigentlich immer Freude gemacht. Diesmal leider nicht, alles blieb quasi unangetastet stehen, und ein Gespräch über die alten Zeiten war auch nicht mehr drin. Ich war traurig. Aber dann blitzte plötzlich wieder ihre alte Persönlichkeit hervor, als sie einen ihrer Lieblingssprüche: "Sowas lebt, und Schiller musste sterben!" mit einem typischen drolligen Augenrollen als Reaktion auf eine meiner Geschichten über unfähige Handwerker anbrachte. Und da musste ich eben auch wieder lachen.

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sie mich nicht mehr erkennen wird. Aber da hilft nur: sich wappnen. Denn besser wird es von hier an nicht mehr, soviel ist sicher.


P.S.: Liebe Zoa, ich denke viel an Dich!

Kommentare:

  1. Genau so war es bei meiner Oma auch. Es gab viele lustige Momente. Wenn sie z.B. dachte sie wäre noch jung und dem Pfleger hinterheräugte. Aber als ich nach einem Jahr Ausland zurückkam hatte sie mich nur noch als Kind in Erinnerung und konnte mit mir als erwachsene Frau gar nichts anfangen. Es ist eine schreckliche Krankheit und ich empfand den Verfall meiner Oma als rasend schnell. Als sie dann starb war es wahrlich eine Erlösung. Für alle! Ich wünsche Euch Beiden noch viele schöne Momente. Auch wenn es wahrlich nur Momente sind.

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  2. Liebe Emi,

    nun melde ich mich auch noch mal auf deinem Blog - eigentlich nur, um Dir zu sagen, dass Du das Allzu Menschliche immer in so schöne Worte kleidest: Bar jeder Oberflächlichkeit durchdringst Du das Gute wie das Schlechte und drückst es aus, wie ich es auch gern würde und manchmal nicht kann, obwohl Sprache doch mein Beruf ist: Schnörkellos und geradlinig. Das ist eine wirklich schöne Fähigkeit, und ich lese deshalb Deinen Blog unheimlich gerne, auch wenn ich mich hier nicht zu Wort melde. Ich habe und hatte zwar keine demente Oma, mache mir aber natürlich auch viele Gedanken zum Thema und glaube, man muss nicht einmal dement sein, um im Alter sehr einsam zu sein. Schauerlich ist es auch deshalb, weil es letztlich auf uns alle einmal zukommen kann: Ab und zu Besuch von Kindern und Enkeln, aber unsere "wahren" Lebensgefährten - ob Freunde oder Partner - vielleicht schon tot und wir den überwiegenden Teil jedes Tages allein. Allein mit der Vergangenheit, die keiner mehr teilt und weitgehend ohne eine Zukunftsperspektive. Da kann einem wahrlich schon mal kühl werden... (wir singen das Lied übrigens auch gerade wieder fleißig und ich fand es immer schon ein wenig traurig...)

    LG; Heidi

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    1. Hallo liebe Heidi, ich freue mich sehr über Dein Kompliment, auch, weil Du "Profi" bist. Danke. Ja, das Alter kann einsam sein, so oder so. Schon in meiner Studentenzeit habe ich im Altenheim gelernt, dass man den Moment genießen muss und dass Altwerden tatsächlich nichts für Feiglinge ist (Zitat von ich glaube Blacky Fuchsberger). Also: genießen wir den Moment! Schön, dass Du ab und zu hier bist. Liebste Emigrüße :-))

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