Freitag, 2. Dezember 2011

Lieber Opa



Opa mit Urenkelchen, 2005


Lieber Opa,

Gestern bist Du gestorben. Das kam nicht unerwartet. Du warst fast 97 Jahre alt, und in den letzten Wochen lagst Du mit Lungenentzündung im Krankenhaus. Als wir uns das letzte Mal sprachen, kurz bevor ich nach NY aufgebrochen bin, hast Du schon gesagt, Du weißt nicht, ob wir uns noch einmal wieder sehen. Aber unerwartet oder nicht: Du wirst nicht mehr da sein, und das schmerzt. Als ich die Nachricht erhalte, schießen mir heiße Tränen in die Augen. Wie immer sind es die Kinder, die in einer solchen Situation wohl tun. Als ich L. erkläre, dass ich traurig bin, weil mein Opa gestorben ist, bietet er mir großzügig an, seinen Opa mit ihm zu teilen. "Oder wir machen´s so", sagt er, "Du nimmst Opa und ich nehme Oma. Dann musst Du aber wieder fröhlich sein, ok?" Ich muss lachen, ob ich will oder nicht.

Gibt es einen sanften Tod? Wenn es ihn gibt, dann bist Du ihn wohl gestorben. Zu Hause, im Schoß einer großen Familie. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Ein Lebenskreis hat sich geschlossen. Du hattest fünf Kinder, elf Enkelkinder und rund zwanzig (ich habe gerade den Überblick verloren- Du hattest ihn immer) Urenkelkinder. In den letzten Jahren hat mich immer, wenn wir uns gesprochen haben, fasziniert, dass Du sie alle zuordnen konntest, keinen Namen verwechselt hast und immer zu allen eine Geschichte zu erzählen hattest, egal, wie weit weg sie lebten.

Dein heller, wacher Geist, der war beeindruckend. Die Beine wurden müde und müder, in den letzten Jahren. Aber unverdrossen hast Du am Doppelkopftisch mitgehalten, hast Dir die Reiseberichte Deines jüngsten Enkelkindes ausdrucken lassen und sie mit Feuereifer verfolgt, hast noch vor Wochen mit einem der Urenkelkinder Latein gepaukt. Na klar, Du bist oft ins Schwadronieren geraten, aber das ist ein Vorrecht des Alters.

Du gehst. Und nimmst wieder ein Stück meiner Kindheit mit. Mit vierzig Jahren müsste man langsam mal erwachsen werden, sollte man meinen, und gelernt haben: der Tod gehört zum Leben dazu. Zumal, wenn jemand an die hundert Jahre alt wurde und in Würde altern durfte (soweit das Altern selbst einem diese Würde nicht nimmt). Aber das Kind in mir lehnt sich auf: Du warst immer da. Du sollst nicht weg sein.

Eine schöne Kindheitserinnerung mit Dir, in unendlich vielen Variationen: Du sitzt, noch mit einem stattlichen Bierbauch, am Esstisch und 5-6 Deiner Enkelkinder um Dich herum. Wir streiten darum, wer als erster dem Opa Luft in die Ohren pusten darf, bis der Bauch so rund ist wie ein prall gefüllter Luftballon. In Wirklichkeit streckst Du natürlich nur den Bauch immer weiter heraus. Anschließend darf das betreffende Kind in Deinen Bauch pieksen und der Bauch wird wieder klein, dabei machst Du Geräusche und Gesichter, die uns alle zum Quietschen bringen. Der nächste ist dran. Da wir uns oft im Pulk bei Oma und Dir aufhielten, musste dieses Spiel manchmal stundenlang gespielt werden. Dein Gesicht dabei - das werde ich nie vergessen.

Mit Kindern warst Du gut. Intuitiv. Auch L. war gerne bei Dir, obwohl Du schon sehr alt warst, als er auf die Welt kam. Du hattest immer etwas Lustiges zum Anschauen oder ein "Hasenbrot" vom Frühstück über, und Du kamst ohne Probleme mit ihm in´s Gespräch.

Es tut mir leid und es tut ein bisschen weh, dass ich nicht bei Deiner Beerdigung da sein kann. Aber wir wissen ja, man kann sich überall verabschieden. Eine Kirche und ein Grab machen es fassbarer, vielleicht einfacher - aber dort bist Du jetzt nicht. Und so sage ich Dir hier und jetzt adieu, und ich persönlich glaube, Du fühlst es.

Du warst mir ein liebevoller Opa, ich hätte mir keinen Besseren wünschen können. Warst Du mit Dir selbst im Reinen, als Du gegangen bist? Ich wünsche es Dir. Ruhe in Frieden. Ich werde Dich vermissen.

Kommentare:

  1. Snief! Jetzt hab sogar ich Pipi in den Augen, dabei kannte ich Deinen Opi ja gar nicht. So ein wundervoller Nachruf, Emi. Er ist sicher glücklich und zufrieden eingeschlafen und hatte ein langes und erfülltes Leben mit all seinen Lieben.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe B.
    in Gedanken bei Dir. Ich kann mir so gut vorstellen wie traurig Du bist, aber ich glaube wirklich, dass Opa A. wohl bis zuletzt am Leben teilnehmen konnte, das zählt. Und 97 ist wahrlich ein sehr stolzes Alter.
    Schöne Fotos!
    Küsschen an alle von C.

    AntwortenLöschen
  3. Ach B., wie traurig. Aber bis zum Ende so fit zu sein und dann Einzuschlafen ist doch eine große Gnade. Ich denke an Dich! Dein T.

    AntwortenLöschen