Donnerstag, 19. Juli 2012

L. im Juli 2012

Liebes Söhnchen, im Juli 2012 bist Du vier Jahre und 9 Monate alt. Du hast Schuhgröße 28-29, bist geschätzte 1,15m groß und Deine Lieblingsfarbe ist blau. Du ziehst Dich jetzt völlig alleine an, aber eine Schleife kannst Du zu Deinem Ärger noch nicht binden. Du stehst auf Batman, Hulk, Spiderman, Iron Man und Co., magst Pippi Langstrumpf und Ice Age und hast immer noch eine Grundsympathie für alles, was "böse" ist: Ritter, Piraten, Dinosaurier, wilde Löwen etc. Letztens hast Du mir allerdings erklärt, dass die Piraten von allen am bösesten sind, "weil, die nehmen anderen ja was weg." Du weißt, dass es Kontinente gibt und verschiedene Länder mit verschiedenen Sitten und Gebräuchen, und dass die Menschen in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten wach sind. "Das macht die Sonne", sagst Du. Du hast durchaus einen Sinn für Mode, hast beispielsweise klare Vorstellungen davon, welche Farben zu anderen passen und welche man keinesfalls zusammen tragen kann. Das deckt sich zwar nicht immer mit meinem Geschmack, ist aber nicht diskutabel.


Etwas treibt Dich um, diese Tage. Schon seit ein paar Wochen habe ich vermutet, dass Du eine Krankheit ausbrütet, denn Du bist ungewohnt still, oft nachdenklich, manchmal klagst Du über ominöse Schmerzen, und Du weinst sehr schnell, wenn man Dich nur schief anguckt oder etwas nicht nach Deiner Nase läuft. Aber Dein Papa meinte am Wochenende zu Recht, nee, der kleine Kerl ist einfach nachdenklich, der verarbeitet etwas. Sofort meldet sich mein schlechtes Gewissen, es steht wieder eine große Veränderung in´s Haus, der Rückumzug nach Deutschland. Du weißt das, klar. So richtig verstanden hast Du aber wahrscheinlich nicht, was das alles bedeutet. Und deshalb tun wir das einzige, was wir tun können und reden mit Dir darüber. Du hast Dich schon immer schnell und ohne nennenswerte Schwierigkeiten in neuen Umgebungen angepasst. Mit nicht ganz eins in der Krippe, weil ich wieder angefangen habe zu arbeiten. Mit nicht ganz zwei bei der Tagesmutter, weil wir umgezogen sind. Mit nicht ganz drei im Kindergarten. Und mit nicht ganz vier hier in NY in einem neuen Kindergarten. Manchmal denke ich das Sprichwort "harte Schale, weicher Kern" passt genau umgekehrt auf Dich, kleiner Sohn, denn Du lässt Dir zwar scheinbar viel zu Herzen gehen, meisterst dann aber doch immer jede Veränderung ganz großartig - und mit einer Prise des Dir eigenen Humors. Ich bin stolz auf Dich und hoffe von Herzen, wir überfordern Dich nicht. Tief in mir weiß ich aber, dass Du in H. mit Deinen vielen alten Freunden wieder sehr glücklich werden wirst. 



Dein Lieblingsspiel ist zur Zeit: Möbel und Kram durch die Gegend schleppen und damit imaginäre Häuser, Flugzeuge, Löwenhöhlen oder Ähnliches bauen. Immer so, dass weder Du selbst, geschweige denn Deine Schwester ohne Hilfe aus den "Bauwerken" wieder herauskommt. Nicht einmal unsere Minigästetoilette wird von Deiner Bauwut verschont. Ich finde dieses Spiel ja reichlich nervig, denn Du bist zwar sehr ehrgeizig, wenn Du das Zeug zum Bauen von A nach B schleppst, wenn es dann aber ums Aufräumen geht, wirst Du wundersamer Weise mit einem Mal schrecklich müde... darüber haben wir jetzt schon so manche Diskussion führen müssen. Im Allgemeinen hilfst Du abends aber immer sehr lieb beim Aufräumen, auch wenn es Dich schrecklich ärgert, dass Deine kleine Schwester nicht genau so viel mithelfen muss bzw. es noch nicht kann. 


Du machst gerne Quatsch und bringst uns zum Lachen. Du hast viel Phantasie und schlüpfst beim Spiel immer wieder gerne in neue Rollen, hier bist Du zum Beispiel ein schimpfender Opa:


Und was das hier ist, Ausdruckstanz, der Kranich aus Karate Kid oder gar der immer wiederkehrende Zirkus"torektor", weiß ich nicht mehr:


 In jedem Fall liebst Du Rollenspiele, tanzen und schauspielern. Du verkleidest Dich noch immer sehr gerne, auch "einfach nur so" am Nachmittag, um anschließend als Löwe oder Polizist Lego zu spielen. Lego und Playmobil sind zwei weitere Spieldauerbrenner, Bücher magst Du gerne, Hörspiele und ja, ich muss es zugeben, das Fernsehen liebst Du auch sehr, wobei Dir relativ egal ist, ob eine DVD auf englisch oder deutsch läuft. Als Dein Papa letztens meinte: "Dieser Film ist aber auf englisch", war Deine Antwort: "Ja, dann mach den mal ruhig an, das muss ich ja langsam auch mal lernen."

Wenn Du Dich freust, kannst Du so lachen, dass alle im Raum mitlachen müssen. Wenn Du weinst, quellen literweise dicke Tropfen aus Deinen Augen und Du bist nur Kummer, ganz und gar. Nur wütend werden, das kannst Du nicht so richtig. Dies hier ist ungefähr das wütendste Gesicht, das ich von Dir kenne:


 Deine kleine Schwester hast Du vom ersten Augenblick an geliebt. Niemals werde ich Dein breites, süßes Kleinkindgrinsen vergessen, als Du Dich im Krankenhaus das erste Mal über ihr Bettchen gebeugt hast. Du bist gerne großer Bruder. Du liebst es, Deine Schwester an die Hand zu nehmen,


ihr zu zeigen, wie die Welt funktioniert


 und zu wissen, dass Du der Große bist, der weiß, wo es lang geht.


 Größtenteils bist Du lieb und fürsorglich mit Deiner Schwester. Ihr könnt jetzt schon prima zusammen spielen. Familie. Oder Einkaufen. Oder Löwen in der Löwenhöhle. Oft bist Du auch froh, dass Du Deine Schwester ganz gut im Griff hast, zum Beispiel, wenn sie etwas für Dich holen soll oder Du Angst hast, alleine nach oben zu gehen und sie Dich auf Deinen Wunsch bereitwillig begleitet. 
Dann grinst Du manchmal genau so:


 Im Juli 2012 hast Du das erste Mal gezeltet. Mit Papa im Garten, ein richtiges Jungsabenteuer. Du fandest das toll. Dein Papa ist aus Deiner Sicht auf jeden Fall für den Spaß zuständig. Chips essen am Abend, mit Taschenlampe im Zelt herumleuchten. Einen schrecklichen "Cars"Plastikschlafsack kaufen, und ein Zelt gleich dazu, denn "jetzt muss gezeltet werden", das bringt nur Papa. Er ist Dein Held, Dein Vorbild. Dass er Dir neulich im Park Pipimachen im Stehen beigebracht hat, findest Du großartig. Das können nämlich nur Jungs, und deshalb wird dieses Kunststück jetzt auch gnadenlos geübt und gezeigt. Und ich lobe Dich mit ein bisschen knirschenden Zähnen, denn Du bist sooo stolz, und es würde mir natürlich nicht im Traum einfallen, Dir diesen Spaß zu nehmen.


Sollte ich Dich mit einem einzigen Wort beschreiben, mein Sohn, wäre es das Wort: "lieb". Du bist natürlich kein Engel, aber einfach alles in allem wirklich wahnsinnig  -  lieb. Dein Aggressionspotential ist niedrig, Du beschützt kleinere Kinder, bist verschwenderisch mit Zärtlichkeiten und versuchst, Dich in andere (oh ja, sogar in Deine Mama) hineinzuversetzen. Manchmal macht mir das Sorge, und ich sehe Dich als potentielles Mobbingopfer oder als den armen lieben Tropf, der von der bösen Welt ausgenutzt wird. Aber, hey, dafür bist Du viel zu clever, mein Kleiner! Du bist wundervoll, ganz wundervoll, so, wie Du bist. Heute Morgen hast Du einfach so auf der Straße die Arme um mich geworfen und "ich hab Dich schhrrrrrecklich lieb, Mama" gesagt. Und mich in etwa mit diesem Blick angesehen:



Und Mamaverblendung hin oder her, ich schwöre, mit diesem Blick gewinnst Du die ganze Welt!

Kommentare:

  1. Was soll man denn dazu noch sagen, liebe E.? Hätte ich vor 6 Jahren geahnt was Du für eine Mama sein würdest, hätte ich Dich gefragt ob Du mich adoptieren willst ;O).

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  2. Immer wenn ich Deine Texte zu Deinen Kindern lese muss ich fast weinen. Das ist so rührend und so herzlich geschrieben, ihr seid bestimmt eine tolle Familie! Schade, dass wir uns in NY nicht getroffen haben, ich hätte Dich/Euch gerne persönlich kennengelernt!

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    1. Ja, liebe Ijaja, ich bedauere das auch sehr. Aber dann hätten wir jetzt bestimmt nicht nur Mäuse, sondern auch Bed Bugs :-)) Bist Du die eigentlich wieder los geworden?

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    2. Ja, wer weiß, nachher hätte ich Dir vielleicht wirklich noch ein paar unangenehme Gastgeschenke dagelassen ;-). Ja, ich bin die Bugs wieder los geworden, allerdings habe ich auch strengste Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Im Nachhinein muss ich echt sagen, dass das richtig schlimm war, das wünsche ich niemandem an den Hals! Neulich hatte ich einen hartnäckigen Mückenstich und habe sofort Panik bekommen, ob das nicht doch die Bugs sind...

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  3. Mich hat er auf jeden Fall mit diesem Blick, zum dahinschmelzen. Und Du hast mich wieder mal mit diesem Text... Was für liebevolle Worte, liebste E., aber das weißt Du ja ;-)

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