Donnerstag, 17. Januar 2013

Horrido und Waidmannsheil!

Ich sitze hier mit einem Schnaps und die Tränen laufen. Ich trinke selten Schnaps, eigentlich nie. Aber jetzt brauche ich einen. Meine allerliebste Omi ist heute gestorben. Sie war in den letzten Monaten und Wochen kontinuierlich weniger geworden, eine neu diagnostizierte, aber offenbar schon länger schwelende Krebserkrankung forderte Tribut. Mir hatten Schwester und Mutter die Neuigkeiten verschwiegen, in der richtigen Annahme, dass ich sonst sehr große Gewissenskonflikte mit mir hätte ausfechten müssen und meinen letzten NY Aufenthalt vielleicht sogar abgebrochen hätte.

Der Tod. Den werden wir Lebenden wohl nie verstehen. Dass jemand auf einmal einfach nicht mehr da ist - das ist und bleibt eine Tatsache, die man erst einmal nicht greifen kann, die sich erst einmal setzen muss und die lange Zeit immer mal wieder schockieren wird. Oma war immer da. Vom ersten Moment meines Lebens war sie mir zugetan, stolz auf mich, gut zu mir. Und auch, wenn sie auf Grund ihrer Demenzerkrankung in den letzten Jahren nicht mehr richtig an meinem Leben teilgenommen hat, wenn sie mich nicht mehr besuchen und nicht mehr wirklich verstehen konnte, was vor sich geht, war sie doch eben: da.

So war es so ziemlich das erste, was ich -wieder in Deutschland- getan habe: Oma besucht. Letztes Wochende. Ich fand sie im Bett liegend vor. Meine Mama hatte mich vorbereitet, sie äße eigentlich schon lange kaum noch etwas. Meine Schwester hatte mir vorsichtig angedeutet, Oma schlafe sehr viel und sie habe subjektiv das Gefühl, sie mache sich fertig für die letzte Reise. Dennoch musste ich die Luft anhalten, als ich Oma so sah, so: klein. Meine Oma war immer eine stattliche Frau mit wogendem Busen, was ihr zeitweilig den liebevollen Spitznamen "Frau Feldwebel" eingetragen hat (und der natürlich auch mit ihrem ... forschen... Wesen zu tun hatte). Nun kam sie mir vor wie geschrumpft, fast kindlich. Ich flüsterte ihr etwas zu, woraufhin sie im Halbschlaf mit mir zu reden begann. Die Augen blieben feste zu, aber wir sprachen rund 10 Minuten, in denen sie mir unter anderem verriet, dass ihr sagenumwobenes Rezept für Schwarzwälder Kirschtorte eigentlich von ihrem Mann stammte (eine echte Neuigkeit). "Siehste, haste ja nochmal was gelernt", sagte sie, als ich am nächsten Tag noch einmal bei ihr war, und sie darauf ansprach. Ich erinnerte sie an ein paar schöne Begebenheiten, an feste Rituale aus meiner Kinderzeit, und sie lächelte, wie ich es erhofft hatte. Oma war, seit ich sie kannte, ein humorvoller, freundlicher Typ mit vielen lustigen Sprüchen im Ärmel. Und die kamen auch jetzt. "Nun wollen wir aber mal wieder schlafen, gib mir nen Kuss und mach die Klappe zu", sagte sie am ersten Tag. Ich musste lachen, deckte sie feste zu und gab ihr den gewünschten Kuss. Dem Omilein.

1925 geboren, wuchs sie in die schwierigste Zeit des letzten Jahrhunderts hinein. Auch ihre persönliche, familiäre Situation war schwierig. Meine Schwester und ich liebten als Kind die Geschichten "als Oma noch ein kleines Mädchen war", und sie musste sie wieder und wieder erzählen. Sie hatten etwas aschenputtelhaftes, aber das Happy End kam leider nicht wirklich. Eine schwierige Beziehung zu ihrer Halbschwester und das Gefühl, von der Mutter nicht geliebt worden zu sein, haben vielleicht dazu beigetragen, dass aus ihr ein nicht unkomplizierter Mensch wurde, der Probleme mit engen Bindungen außerhalb der eigenen Familie hatte. Erwachsen und verheiratet, erlebte sie das undenkbarste, grausamste: den Verlust ihres dreijährigen Kindes. Erst als ich selbst erwachsen war, konnte ich halbwegs nachvollziehen, was das bedeutet haben mag. Sie sprach nicht darüber, nie. Obwohl ich oft als Kind mit ihr am Grabe des Kindes stand, was mein Onkel gewesen wäre, wenn es hätte leben dürfen, und obwohl viele Fotos dieses verstorbenen Kindes in ihrer Wohnung hingen. Es war ein Tabu und ich habe nie gewagt, daran zu rühren. Auch mit den Männern hatte Oma zeitlebens kein Glück. Sie hatte viele Bekannte aber wenig Freunde, konnte ausgesprochen liebenswert sein, aber auch gnadenlos nachtragend, wenn man es einmal mit ihr verscherzt hatte. Sie war keine große Köchin, aber die beste Bäckerin der Welt. Eine Bäckerin, die mir sogar ans andere Ende der Welt, nach Kapstadt, ihren Zitronenkuchen schickte (Eine Bäckerin, der ich nie verraten habe, dass er nur in schimmeligen Krümeln ankam). Sie konnte wunderschön nähen, bis ihre Augen sie im Stich ließen. Und sie war der ordentlichste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben jemals kennen gelernt habe. Alles, alles, jedes kleine Fädlein, hatte seinen eigenen Platz und hätte im Notfall mit verbundenen Augen wiedergefunden werden können. Ihre Schränke: Kante auf Kante, Lavendelduft. Und ihr Süßigkeitenschrank! Ich weiß jetzt noch genau, wie es in diesem Schrank roch. Nach Holz und gebrannten Mandeln und komischen Malzbonbons und einfach unverwechselbar. Wenn ich als Kind am Wochenende bei Oma war, machte sie immer ganz laut ihre Schlager an (die bei uns zu Hause natürlich verpönt waren) und sang mir vor, während ich badete. Sie konnte recht hübsch singen und ich fand es himmlisch, in ein weiches Badetuch gepackt auf dem Wannenrand zu sitzen und ihr zuzuhören und einen Malzkaffee zu trinken.

Ich habe so viele schöne Erinnerungen an Oma aus meiner Kindheit, dass ich sie nicht ansatzweise alle aufschreiben kann. Es bleibt mir nur, sie im Herzen zu bewahren. Woher es kam, weiß ich nicht, aber immer, wenn wir telefonierten, sagte einer am Ende des Telefonats "Horrido und Waidmannsheil". (Nee, wir haben keine Jäger in der Familie). Und der andere sagte: "Waidmannsdank!" Als ich nun vergangenes Wochenende bei ihr war, versuchte ich es mal mit diesem Spruch, aber sie sprang nicht darauf an, und nun habe ich niemanden mehr, der mir Horrido und Waidmannsheil wünschen wird.

Ihre letzten Jahre im Altenheim waren nicht die Schönsten. Sie war immer ein unabhängiger Typ mit großer Lebensfreude und viel Spaß an Ausflügen, Ausgehen - dem guten Leben. Das Sicheinschränken und Kompromisse Schließen fiel ihr schwer. Ich bin froh, dass weder ihre Demenzerkrankung noch ihre körperlichen Krankheiten in unerträgliches Leid geführt haben. Ich bin stolz auf meine Mama, die mit großer Klarheit gegen eine Chemotherapie, OP, Magensonde und sonstige Interventionen und für die Selbstbestimmung meiner Oma gekämpft hat, die sich eben nun entschieden hatte, dass es einmal gut ist und dass sie schlafen möchte. Ich weiß, dass es meine Mama viel Kraft gekostet hat, aber dank ihrer durfte Oma wohl wirklich friedlich und im Wesentlichen schmerzfrei gehen.

Hat Oma auf mich gewartet? Mama und Schwester vermuten es. Und irgendwie glaube ich es auch. Und ich bin unsagbar dankbar, dass ich das getan habe, was sich im Nachhinein als das Richtige herausstellt, dass ich mich, obwohl ich mit dem Söhnchen am Sonntagmorgen mit der Bindehautentzündung des Jahrzehnts zur Notfallklinik musste, doch entschieden habe, noch einmal zu Oma zu fahren, bevor ich den Heimweg angetreten bin. Es waren noch einmal 10 wunderschöne Minuten. Minuten, in denen ich ihre blauen Augen noch einmal sehen durfte. In denen sie sich über Küsschen und Geschichten von mir und ihre muckelige Decke gefreut hat. "Mir tut nichts weh. Ich bin nur so müde. Ich schlaf dann jetzt. Tschüß, mein Schätzchen", das waren die letzen Worte, die ich je von ihr gehört habe.

So schlafe denn sanft, Omilein. Von ganzem Herzen danke ich Dir für all das Schöne, was Du mit mir unternommen hast, was Du mir gegeben hast, was Du versucht hast, mir beizubringen. All das nehme ich in meinem Herzen mit. Waidmannsdank!

Kommentare:

  1. Mein herzliches Beileid.

    Was bleibt sind die Erinnerungen und solange man sich an einen Menschen erinnert hallt sein Leben nach.

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  2. Mein herzliches Beileid.
    Ein wunderbarer Abschiedstext für Deine Oma.

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  3. Ach wie traurig, liebe Emi! Fühl Dich ganz doll gedrückt. Gut das Du Dich nochmal von ihr verabschieden konntest und so viele schöne Erinnerungen an sie in Deinem Herzen tragen wirst. Meiner Oma konnte ich leider nicht mehr Leb Wohl sagen, weil sie total dement war. Aber das ich mich von meiner Tante verabschieden konnte, das bedeutet mir auch 6 Jahre nach ihrem Tod immer noch sehr viel. Sie sagte noch, sie würde mal bei mir vorbeischauen und sehen was ich so treibe und ich meinte, sie solle mich dann bitte als Geist bloss nicht erschrecken und wir mussten Beide lachen. Zumindest weiß ich jetzt woher das Frl. Rottenmaier kommt ;O)). Hugs&Kisses, H.

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  4. Da kommen mir jetzt auch die Tränen, mein herzliches Beileid und fühl Dich gedrückt

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  5. Ach, Liebes... Das tut mir so leid für Euch! Auch wenn es in solchen Momenten nicht die richtigen Worte gibt, die trösten können: Du konntest Dich von ihr verabschieden und sie schien tatsächlich auf Dich gewartet zu haben, einen schöneren Beweis für die Liebe zwischen Oma und Enkelin gibt es wohl kaum. Weidmannsdank, dass Du Deine Erinnerungen mit uns geteilt hast.
    Alles Liebe und fühl Dich ganz, ganz fest gedrückt, Z. ♥

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  6. Auch ich musste doch sehr schlucken, als ich las....erinnerte mich sehr an meine Omi, die Deiner wohl ganz ähnlich war. Ich stutze, denn auch meine Omi verlor einen Sohn, als er noch ganz klein war. Er wurde verbrüht und starb an den Verbrennungen dieses Unfalls. Sie hat auch nie drüber gesprochen. Aber sie war eine tolle, tapfere Frau, und sie lebte auch die letzten Jahre in einem Pflegeheim als sie nach einem Schlaganfall kein Kurzzeitgedächtnis mehr hatte und daher nie wußte wo sie gerade war oder warum. Aber an die alten Geschichten, an die konnte sie sich erinnern....Sie ist schon 8 Jahre nicht mehr da, und ich denke oft an Sie. Sie war auch für mich was besonderes.

    Ich wünsche Dir alles Gute, und ich bin sicher Deine Omi schaut auf Euch herab, von wo auch immer, und sie weiß, das sie einen guten Menschen aus Dir gemacht hat.

    Mein Beileid. Für Dich, für Euch.
    Claudia.

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  7. Ich habe das morgens im Bett gelesen und musste weinen, so sehr hat mich der Text berührt. Sie muss eine tolle Frau und Omi gewesen sein. Mein herzliches Beileid Dir und Deiner Familie.

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  8. Ich danke Euch allen für die lieben, mitfühlenden Worte. Eine "Community" ist schon etwas Schönes, ob nun im Netz oder im "real" life...

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