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Samstag, 10. Dezember 2011

Der andere Advent

Meine Schwester ist eine aufmerksame Leserin. (Das habe ich schon länger geahnt). Und weil sie letztens gelesen hat, dass ich finde, in der Weihnachtszeit kommt die Besinnlichkeit oft zu kurz, hat sie mir flugs zum Geburtstag den "anderen" Adventskalender geschickt. Besinnliche und nachdenkliche bzw. überdenkenswerte Texte für die Adventszeit. Kann ich weiter empfehlen, der ist gut zum Besinnen.

Der Text von heute, abgekürzt: "... Jedes Jahr sterben alleine in Deutschland 20 000 Kinder und junge Erwachsene, weltweit sind es unzählige mehr. Und überall bleiben trauernde Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde zurück. Täglich wird in den einzelnen Familien dieser Kinder gedacht, doch einmal im Jahr wollen weltweit Betroffene nicht nur ihrer eigenen Töchter, Söhne, Schwestern und Brüder gedenken. Jedes Jahr am 2. Sonntag im Dezember stellen seit vielen Jahren Betroffene rund um die ganze Welt um 19 Uhr brennende Kerzen von außen sichtbar in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle in 24 Stunden die ganze Welt umrundet. Jedes Licht im Fenster steht für das Wissen, dass diese Kinder das Leben erhellt haben und dass sie nicht vergessen werden." (Erika Gülich)

Dieser Brauch war mir bisher nicht bekannt, aber ich finde ihn wunderschön. Und da der Text unter dem Motto "Wege zum Anderen" steht, werde ich auch als Nichtbetroffene morgen Abend eine Kerze anzünden.
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Ich wünsche einen schönen, besinnlichen, aber vor allem auch fröhlichen dritten Advent. Auch mir.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Schwiegermama

Der Tod ist gerade allgegenwärtig - rückt mir irgendwie auf die Pelle. Meine Nächte sind bescheiden, obwohl die Kinder die ganze Nacht keinen Mucks machen. Von "Lasst uns froh und munter sein" keine Rede. Ich bin traurig.

Heute vor einem Jahr ist meine Schwiegermama von uns gegangen.

Ich kenne viele Geschichten von "bösen" Schwiegermüttern und ich weiß, dass viele Frauen ihre Schwiegermütter - durchaus zu Recht- Schwiegermonster nennen. Meine hingegen war nichts anderes als lieb und gut und hat mich vom ersten Tag als Familienmitglied angenommen. Das schreibe ich nicht, weil man nur Gutes über die Toten spricht, sondern, weil es wahr ist. Ich hätte ihr das noch einmal explizit sagen wollen, wie sehr ich sie geschätzt und gemocht habe, aber ihre verdammte Krankheit hat zu guter Letzt solche Fahrt aufgenommen, dass mir dafür keine Gelegenheit mehr blieb. Ich denke aber, sie wusste es.

Sie war ihren Söhnen eine tolle Mama, hat sie zu wunderbaren Menschen erzogen. Ihre fünf Enkelkinder waren ihr ganzer Stolz. Ich bin froh, dass sie R. noch kennen lernen durfte und traurig, dass es ihr nicht vergönnt war, die Kleinen groß werden zu sehen. Sehr oft sagen wir "oh, das hätte Oma K. jetzt gefallen", wenn die Kids etwas Neues können. Sie ist bei uns. So auch heute.

Freitag, 2. Dezember 2011

Lieber Opa



Opa mit Urenkelchen, 2005


Lieber Opa,

Gestern bist Du gestorben. Das kam nicht unerwartet. Du warst fast 97 Jahre alt, und in den letzten Wochen lagst Du mit Lungenentzündung im Krankenhaus. Als wir uns das letzte Mal sprachen, kurz bevor ich nach NY aufgebrochen bin, hast Du schon gesagt, Du weißt nicht, ob wir uns noch einmal wieder sehen. Aber unerwartet oder nicht: Du wirst nicht mehr da sein, und das schmerzt. Als ich die Nachricht erhalte, schießen mir heiße Tränen in die Augen. Wie immer sind es die Kinder, die in einer solchen Situation wohl tun. Als ich L. erkläre, dass ich traurig bin, weil mein Opa gestorben ist, bietet er mir großzügig an, seinen Opa mit ihm zu teilen. "Oder wir machen´s so", sagt er, "Du nimmst Opa und ich nehme Oma. Dann musst Du aber wieder fröhlich sein, ok?" Ich muss lachen, ob ich will oder nicht.

Gibt es einen sanften Tod? Wenn es ihn gibt, dann bist Du ihn wohl gestorben. Zu Hause, im Schoß einer großen Familie. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Ein Lebenskreis hat sich geschlossen. Du hattest fünf Kinder, elf Enkelkinder und rund zwanzig (ich habe gerade den Überblick verloren- Du hattest ihn immer) Urenkelkinder. In den letzten Jahren hat mich immer, wenn wir uns gesprochen haben, fasziniert, dass Du sie alle zuordnen konntest, keinen Namen verwechselt hast und immer zu allen eine Geschichte zu erzählen hattest, egal, wie weit weg sie lebten.

Dein heller, wacher Geist, der war beeindruckend. Die Beine wurden müde und müder, in den letzten Jahren. Aber unverdrossen hast Du am Doppelkopftisch mitgehalten, hast Dir die Reiseberichte Deines jüngsten Enkelkindes ausdrucken lassen und sie mit Feuereifer verfolgt, hast noch vor Wochen mit einem der Urenkelkinder Latein gepaukt. Na klar, Du bist oft ins Schwadronieren geraten, aber das ist ein Vorrecht des Alters.

Du gehst. Und nimmst wieder ein Stück meiner Kindheit mit. Mit vierzig Jahren müsste man langsam mal erwachsen werden, sollte man meinen, und gelernt haben: der Tod gehört zum Leben dazu. Zumal, wenn jemand an die hundert Jahre alt wurde und in Würde altern durfte (soweit das Altern selbst einem diese Würde nicht nimmt). Aber das Kind in mir lehnt sich auf: Du warst immer da. Du sollst nicht weg sein.

Eine schöne Kindheitserinnerung mit Dir, in unendlich vielen Variationen: Du sitzt, noch mit einem stattlichen Bierbauch, am Esstisch und 5-6 Deiner Enkelkinder um Dich herum. Wir streiten darum, wer als erster dem Opa Luft in die Ohren pusten darf, bis der Bauch so rund ist wie ein prall gefüllter Luftballon. In Wirklichkeit streckst Du natürlich nur den Bauch immer weiter heraus. Anschließend darf das betreffende Kind in Deinen Bauch pieksen und der Bauch wird wieder klein, dabei machst Du Geräusche und Gesichter, die uns alle zum Quietschen bringen. Der nächste ist dran. Da wir uns oft im Pulk bei Oma und Dir aufhielten, musste dieses Spiel manchmal stundenlang gespielt werden. Dein Gesicht dabei - das werde ich nie vergessen.

Mit Kindern warst Du gut. Intuitiv. Auch L. war gerne bei Dir, obwohl Du schon sehr alt warst, als er auf die Welt kam. Du hattest immer etwas Lustiges zum Anschauen oder ein "Hasenbrot" vom Frühstück über, und Du kamst ohne Probleme mit ihm in´s Gespräch.

Es tut mir leid und es tut ein bisschen weh, dass ich nicht bei Deiner Beerdigung da sein kann. Aber wir wissen ja, man kann sich überall verabschieden. Eine Kirche und ein Grab machen es fassbarer, vielleicht einfacher - aber dort bist Du jetzt nicht. Und so sage ich Dir hier und jetzt adieu, und ich persönlich glaube, Du fühlst es.

Du warst mir ein liebevoller Opa, ich hätte mir keinen Besseren wünschen können. Warst Du mit Dir selbst im Reinen, als Du gegangen bist? Ich wünsche es Dir. Ruhe in Frieden. Ich werde Dich vermissen.