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Samstag, 11. Februar 2012

Anna Wahlgren: Die empfindliche Persönlichkeit

Irgend jemand, der meine Vorliebe für Schwangerschafts- und Erziehungsratgeber kannte, hat mir mal "Anna Wahlgren - das Kinder Buch" empfohlen. Und weil ich diese Empfehlung im Hinterkopf hatte, habe ich mir letztens besagtes Buch von einer Bekannten ausgeliehen, als ich es in ihrem Bücherregal herumstehen sah. Anna Wahlgren ist Mutter von neun Kindern, und in ihrem Heimatland Schweden anscheinend eine Art Papst der Kindererziehung. Das Buch liest sich leicht und anschaulich und macht Spaß, auch wenn es rund 800 Seiten dick ist. Allerdings habe ich erst mal die ersten 400 Seiten über Schwangerschaft und Säuglingspflege überblättert, weil ich mich dem denn nun wirklich schon entwachsen fühle. Aber auf Seite 436 stockt mir mit einem Mal der Atem. Frau Wahlgren beschreibt zunächst sehr anschaulich, dass man formen und erziehen kann, so viel man will, dass es dennoch einen Kern der Persönlichkeit gibt, der eben unbeeinflussbar einfach da ist, ob man das jetzt gut findet oder nicht. Und dass ein solcher "Kern" sich unter Umständen auch schon mit 5 Monaten zeigen kann. Ohne Kinder in Schubladen stecken zu wollen und in dem Bewusstsein, dass es viele "Zwischentöne" gibt, teilt sie stark verallgemeinernd kleine Kinder in drei vorherrschende Persönlichkeitstypen ein: die starke Persönlichkeit, die empfindliche Persönlichkeit, der kleine Aal. Da stolpere ich schon und denke, na, das über die empfindliche Persönlichkeit lese ich mal zuerst, weil ich ja selbst mein Söhnchen immer als sensibel beschreiben würde. Und da lese ich dann Folgendes:
...
"Der Empfindliche lacht, bis ihm der Atem fast vergeht, und wenn er weint, kullern die Tränen in dicken Strömen. Er kämpft nur selten für seine Rechte. ... Auch als Erwachsener wird er sich nur schlecht behaupten können. Er wird traurig, statt wütend werden. Er weiß kaum, was Aggressivität ist. ... Er zieht sich lieber zurück, als dass er kämpft oder sich prügelt, und es hat nicht viel Sinn zu versuchen, ihn in diesem Punkt zu ändern. Der Empfindliche sollte wissen, dass er richtig handelt, und nicht, dass er feige ist. Er sollte immer darin bestärkt werden, dass er so sein darf, wie er ist. Man muss versuchen, ihm zuzuhören, auch wenn er mit kleinen Buchstaben redet - und das tut er. Man muss versuchen, ihn zu verstehen, auch wenn man eigentlich jede Menge Einwände hätte. .... Der Empfindliche braucht sehr viel Zärtlichkeit. Und gerade er braucht auch sein tägliches Lachen. ... Das Gefährlichste für den Empfindlichen ist es, wenn man ihm misstraut, ihn missversteht, ihn verfrüht abweist oder ihn falsch einschätzt. Fühlt er sich abgelehnt und unterschätzt, wird er leiden. ... Aber der Empfindliche besitzt eine außergewöhnlich starke Fähigkeit zum Geben. Obwohl er so exponiert ist und es ihm so nahe geht, wenn man ihm misstraut, misstraut er selten jemandem. Wenn man ihm erlaubt, der zu sein, der er nun einmal ist, wird er einen unwiderstehlichen Charme entwickeln und dazu ein Wohlwollen und eine Fürsorge für seine Umgebung, die beeindruckend - und für uns andere notwendig - sind.

Wenn sich die sogenannten starken kleinen Menschen dafür entscheiden, um jeden Preis dieses Leben zu meistern, weil es nun einmal darum geht, zu überleben und dies gut zu machen, kann man sagen, dass die kleinen empfindlichen Menschen dieser Welt hauptsächlich deswegen vorankommen, weil ihnen das Leben Spaß macht. Und weil das Leben wunderschön ist.

Die empfindliche Persönlichkeit steht und fällt mit der Harmonie, die zu Hause vorherrschend ist. Dort sollte eine gute Atmosphäre vorhanden sein. Bei einer solchen kann er unbeschwert leben und wirken..."

Ich kann es kaum glauben - ich habe das Gefühl, die Frau hat Söhnchen vor Augen, als sie dies geschrieben hat. Meinen kleinen lustigen Sohn, der immer Faxen macht und doch so nah am Wasser gebaut hat. Der ebenso schnell in einen kaum zu bändigenden Lachanfall verfallen wie in ein Tränenmeer versinken kann. Der, von einem jüngeren und kleineren Spielkameraden böse gebissen und von dessen Mutter aufgefordert, ruhig mal zurückzuschlagen, weinend entgegnet: "Aber ich mag nicht hauen!" Der fürsorgliche Bruder. Der kuschelige, Zärtlichkeiten suchende und freigiebig verteilende Sohn. Der, der viel Bestätigung braucht, und den jegliche Zurückweisung bis ins Mark erschüttert. Der kleine Junge, der seinen Freunden schon in diesem zarten Alter monatelang die Treue hält. Mein sensibler, mein empfindlicher Sohn.

Sofort nehme ich mir vor, noch besser für ihn zu werden. Ich glaube doch, dass die Atmosphäre in unserem Hause eine Gute, Harmonische ist und ihm erlaubt, zumeist fröhlich und unbeschwert zu leben. Aber mit dem Verständnis hapert es sicher manchmal. Schon oft habe ich mich dabei ertappt, etwas Ähnliches wie : "nicht immer heulen" oder, noch viel schlimmer, wenn auch halb im Spaß: "Mensch, Du olle Heulsuse" zu sagen. Schon oft habe ich mir gewünscht, er wäre etwas härter im Nehmen, eben etwas weniger empfindlich. Weil ich mich natürlich sorge, dass es gerade für einen Jungen, gerade in der heutigen Gesellschaft, schwer wird, wenn er nicht oder nur mit zusammengebissenen Zähnen kämpft. Aber wahr ist natürlich: er wird nicht weniger empfindsam, weil ich ihm suggeriere, dass er nicht o.k. so ist, wie er ist. Ich weiß, die Welt wird sich nicht ändern. Aber solange und soweit ich irgend einen Einfluss darauf habe, wird sie sich ihm von der freundlichen Seite zeigen. Das verspreche ich!

Meine Schwester hat in ihrem (selbst geschriebenen) Ehegelübde etwas gesagt, was ich damals, vor etwa 15 Jahren nicht verstanden habe. Was zum Kuckuck hat sie da nur gemeint, habe ich mich gefragt. Das fällt mir jetzt auf einmal ein. In der Aufzählung, was man füreinander sein und tun wolle, hieß es : "Ich will Deine Schwächen schützen". Ich denke, ich beginne zu verstehen.

Montag, 21. November 2011

Ein liebenswerter Schauspieler


Heute war "parent-teacher-conference" im Kindergarten. Ich habe einiges gehört, was ich auch im letzten Kindergarten gehört habe- aber auch anderes.

L. hat sich im Nullkommanichts und ohne Probleme in die Gruppe eingefügt und seinen Platz gefunden. Er ist meist fröhlich und sehr beliebt, spielt mit allen Kindern und macht oft Scherze, ist scheinbar eine Art Klassenclown (das ist neu). Sein Sozialverhalten ist gut, er kümmert sich um andere und hilft, Konflikte zu lösen (das ist nicht neu). Was am Interessantesten ist: er weint gar nie. Nicht bei Konflikten, nicht, wenn es nicht nach seiner Nase geht, gar nicht. Das war im letzten Kindergartenjahr noch anders. Ob es hier an der sehr geschützten kleinen Gruppe liegt oder er einfach diesbezüglich eine Enwicklung hingelegt hat, weiß ich natürlich nicht. Generell beobachte ich schon noch eine große "Empfindlichkeit" bei ihm, auf dem Spielplatz zB. Die Tränen rollen schnell, vielleicht auch einfach dann, wenn ich in der Nähe bin (oh weh, das ist dann wohl kein gutes Zeichen)? Wenn es mit der Kindergartengruppe in den Park geht, läuft er den Weg dorthin und zurück unproblematisch und jammert in keinster Weise, außerdem werden dort noch etliche Kilometer rennend und spielend zurück gelegt. (Hier wäre dann wohl bewiesen, dass die Lauffaulheit in unmittelbarem Zusammenhang mit mir steht, grmpf).

L. hat seine Stärken ganz klar im sprachlichen und kreativen Bereich. Sein Wortschatz und seine Grammatik sind für einen gerade Vierjährigen ausgezeichnet (hier wurde mir versichert, dass diese Beobachtung nicht nur an der "Vergleichsgruppe" liegt, sondern dass man das auch ganz unabhängig davon beurteilen könne), sein schauspielerisches Interesse und Talent sind ausgeprägt. Er erzählt gerne und viel und führt, wenn man ihn lässt, ganze Theaterstücke auf. In der Grob- und Feinmotorik holt er auf; in jedem Fall macht er mit Feuereifer alles mit, was man ihm anbietet.

Vieles deckt sich mit meinen Beobachtungen und Einschätzungen. Dass Söhnchen keine Tendenz zum zukünftigen Spitzensportler hat und mit Schere und Malstift noch nicht so gut umzugehen weiß, wie manch anderer im gleichen Alter, wusste ich. Dass er sprachlich weit vorne ist, ebenfalls. Und der Hang zur Schauspielerei, der drängt sich geradezu auf.

Viel wichtiger als all dies ist mir allerdings seine Sozialkompetenz, und dass er es offenbar prima geschafft hat, sich in einer ganz neuen Gruppe in einem fremden Land nicht nur einzufinden, sondern dabei auch fröhlich, ausgeglichen und zufrieden ist.

Ich soll stolz auf L. sein. Ja, was denken die denn? Ich bin auf jeden Fall stolz, egal, was er "kann", was er macht, wie er sich gibt. Aber vor allem freue ich mich, denn ich freue mich immer, wenn mein Söhnchen glücklich ist.

Freitag, 11. November 2011

Wie oft hab ich Dir gesagt...?

Wie das fleischgewordene Klischee der "spätgebärenden" Akademikermutter habe ich mich gut auf das Mamasein vorbereitet. Dachte ich. Mittels des Abarbeitens einer ordentlichen Literaturliste zum Beispiel. Ich mag Anleitungen. Ich habe zig, aber wirklich zig, Schwangerschafts- und Erziehungsratgeber im Regal und kann immer noch schlecht an ihnen vorbeigehen, ohne zum Kauf verlockt zu werden.

Allerdings vergesse ich das Allermeiste, was ich da so lese, offenbar 10 min später wieder. Wenn ich nämlich in einer konkreten Situation ratlos dastehe (Bei L´s erster Trotzphase mit gerade eben 2 zum Beispiel) und denke, hm, ich schau mal eben in eines meiner schlauen Bücher, auf dass ich erhellt werde, finde ich zwar meistens nicht die gesuchte Antwort, lese mich aber regelmäßig an einer anderen Passage fest, die ich interessant finde. Um dann festzustellen, jau, das hab ich schon mindestens 3mal gelesen, jedes Mal für einen guten Ansatz befunden, jedes Mal im Alltag nicht umgesetzt.

Wieso ich gerade jetzt darauf komme? Weil ich mich in den letzten Tagen andauernd bei der Ausübung einer laut Ratgeber fürchterlichen Todsünde in der Kindererziehung ertappt habe. Ich stehe etwa in der Küche und bereite, weil Frischgekocht ist besser und so, liebevoll das Kindergartenessen für den nächsten Tag zu. Die undankbare Brut spielt mitnichten 20min ruhig und nett in der ihr zugewiesenen Spielecke mit Bauklötzen, sondern nimmt mehr oder minder das Wohnzimmer auseinander, in erster Linie der Erstgeborene. Ich bin schon leicht genervt, denke aber, lass sie ölen. Sekunden später ertönt- nach einem charakteristischen Piratenkampfschrei des Söhnchens- bitterliches Geheule der Zweitgeborenen. Da kommt aus meinem Munde doch glatt die Frage: "L., wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du Deine Schwester nicht umschmeißen sollst?" So. Was erwarte ich jetzt? Die Antwort: "Nun, Frau Mutter, etwa 121 mal, und ja, ich weiß, was Du mir damit sagen möchtest, fortan werde ich das Schwesterchen nicht mehr umwerfen!" ??? Oder auch, ebenfalls gestern: "L., Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Du an-dau-ernd die Möbel herumrückst." Bescheuerter geht es echt nicht mehr. Klar kommt nur ein etwas schuldbewusster Blick und es wird weiter geschoben. Es wurde ja nicht verboten. Aber der Spaß ist ein wenig gedämpft, denn man will Mama ja durchaus gefallen. Ich habe also nichts erreicht, außer eine Spaßbremse zu sein. Noch schlimmer, heute Morgen: "MUSST Du denn immer R. ärgern?" Ja klar, er muss. Er braucht ganz einfach nur eine Grenze, ein klares "Hör auf".

Was zum Kuckuck bringt mich dazu, so nutzlose und idiotische Sachen zu sagen? Ich habe keine Erklärung, außer, dass es irgendwie in mir "drinsteckt". Guter Vorsatz des heutigen Tages: Werde mich weiter beobachten und dran arbeiten.

Mannmannmann. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als ich die entsprechenden Passagen in einem der Ratgeber gelesen habe, dass ich dachte, sowas sagt ja wohl kein Mensch, ist doch logisch, die Kleinen brauchen KLARE Regeln, die konsequent und verständlich durchgesetzt werden. Da war Minimann aber noch winzig und Minimädchen noch gar nicht auf der Welt.

Was mal wieder beweist: Theorie und Praxis sind zweierlei. Und es wird nicht zwangsläufig leichter, wenn die Kleinen größer werden.